Pfützenlied

Das Wetter welkt in grauem Schmutz.
Der Pinien brauner Krönungsputz
Sinkt ab wie alle Königsmützen
In graue Pfützen.

Und was mißliebig
Zynisch wie Kometenhohn geschweift
Und was ergiebig
Wohlgeraten und gereift,
So gut wie Bürgers warme Grützen,
Fällt in die Pfützen.

Und ist da nichts so ohnegleichen,
Daß es nicht abfault mit den Leichen.
Gott selbst vermag sich nicht zu schützen
Vor den Pfützen.

Zum 100. Geburtstag des Dichters Albert Drach

Drach: »Autor trotz Feindschaft«

Von Hermann Schlösser

Im Jahr 1994, ein Jahr vor seinem Tod, füllte auch Albert Drach den Fragebogen aus, der einstmals Marcel Proust entzückte und der später von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verschiedensten Menschen vorgelegt wurde. Gewiss kann man über den Aussagewert solcher Frage- und Antwortspiele geteilter Meinung sein. Auch die Antworten Drachs sind nicht alle belangvoll. Manche aber illuminieren schlaglichtartig das Selbstverständnis des Autors und promovierten Juristen, der vor hundert Jahren, am 17. Dezember 1902, geboren wurde.

Albert DrachAlbert Drach, 1988

Kein Dichter fürs Positive

Albert Drach ist ein widerborstiger Mann gewesen, der sich den Vorschriften und Anordnungen anderer ungern unterwarf. Deshalb beantwortete er die erste Frage: „Was ist für Sie das größte Unglück?“ auch mit: „Gefangenschaft.“ Bezeichnend für Drach als Schriftsteller ist allerdings, dass er eben dieses „größte Unglück“ zu einem seiner Hauptthemen machte: In seinen Romanen, Erzählungen, Dramen und Essays wird gerade nicht darüber nachgedacht, wie die Menschen frei und unbefangen miteinander leben könnten. Drach ist kein Autor fürs Positive. In überscharfer Deutlichkeit zeigt er, wie die Menschen gefangen sind in den Institutionen und Gesetzen, die sie sich selbst geben.

Und damit zu Frage und Antwort Nr. 2: „Wo möchten Sie leben?“ – „In Südtirol.“ Mit Südtirol hatte Drach nichts zu tun. Geboren ist er in Wien, die längste Zeit seines Lebens wohnte er in Mödling, im „Drach-Hof“, den sein Vater für die Familie erworben hatte. Wie der autobiographische Roman „Z.Z.“ das ist die Zwischenzeit beschreibt, wurde das Eigentum der jüdischen Familie Drach 1938 „arisiert“. Albert Drach ging ins Exil: zunächst nach Jugoslawien, dann nach Frankreich. In Unsentimentale Reise, dem zweiten Band seiner autobiografisch geprägten Trilogie, hat Drach die Jahre seines Exils ohne jedes Emigrantenpathos beschrieben.

Nach 1945 kehrte Drach nach Mödling zurück. Wie schon in den dreißiger Jahren arbeitete er wieder als Anwalt, da er vom Schreiben alleine niemals leben konnte. Er führte einen langwierigen Prozess um sein Haus, den er 1948 gewann. Im „Drach-Hof“ sollte er bis zu seinem Tod bleiben.

Dass Drach aus reiner Heimatliebe nach Österreich und Mödling zurückgekehrt ist, wird niemand annehmen, der Das Beileid, den dritten autobiografischen Roman, kennt. Herbert Achternbusch, ein vergleichbar querköpfiger Dichter, sagte über seine Heimat Bayern: „Dieses Land hat mich kaputt gemacht, und ich werde dort bleiben, bis man es ihm anmerkt.“ Ähnlich dürfte auch Drach empfunden haben. Deshalb ließ er sich wohl in Mödling nieder und nicht etwa in Südtirol, wo er angeblich lieber gewohnt hätte.

Nächste Frage: „Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?“ Antwort: „Liebe ohne Unterwerfung.“ Das Thema Liebe spielt in Drachs Texten eine bedeutende Rolle. Freilich gibt sich Drach auch hier nicht mit dem Positiven ab. Er schildert eine Liebe mit Unterwerfung, die vom „vollkommenen irdischen Glück“ weit entfernt ist, und deshalb im Leben häufig vorkommt. Drachs eindrucksvollste Studie zum Zusammenhang von Liebe, Sexualität und Gewalt ist sein Kriminalprotokoll Untersuchung an Mädeln: Die „Mädeln“ werden ausgenutzt, betrogen, vergewaltigt, und von einer „Liebe ohne Unterwerfung“ können sie nur träumen. Wie ihr Erfinder Drach.

Und noch etwas: „Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?“ –  „Schlamperei in der Kleidung.“ Als Drach diesen Fragebogen ausfüllte, war er 92 Jahre alt. Sein Sehvermögen war im Alter sehr stark eingeschränkt, er bewegte sich mühsam. Als Freund selbstbestimmten Handelns scheint er jedoch bis zuletzt darauf bestanden zu haben, seine Krawatten alleine zu binden. Die Knoten waren sehr locker geknüpft, saßen schief. Aber sie waren alleine gebunden.

Lieblinge und Feinde

„Robinson Crusoe von Daniel Defoe“, heißt im Fragebogen Drachs liebster Romanheld. Diese Antwort kommt unerwartet, denn im andernorts zitierten Kanon der Drach'schen Lieblingstexte haben zwar Lawrence Sterne, der Marquis de Sade, Heinrich Heine, Christian Dietrich Grabbe und Rimbaud ihre Plätze. Von Defoe hingegen ist nicht die Rede. Und doch passt die Geschichte vom Schiffbrüchigen, der durch eigene Kraft überlebt, sehr gut zu Albert Drach, dem Eigenständigen, Unabhängigen, Eigensinnigen.

Und wer war Drachs „Lieblingsgestalt in der Geschichte“? – „Hannibal.“ In seiner Jugend hat Drach das humanistische Gymnasium besucht, und die Liebe zur Antike ist ihm – wie vielen ehemaligen Gymnasiasten – ein Leben lang erhalten geblieben. Sein letzter vollendeter Roman O Catilina. Ein Lust- und Schaudertraum porträtiert den berüchtigten römischen Empörer und Verschwörer als überlebensgroßen Verbrecher. Im F.A.Z.-Fragebogen darf jedoch eine positive Figur aus dem Fundus der Antike auftreten: Hannibal, der Stratege, Herausforderer Roms und Alpenüberquerer. Drachs Sympathie für den Karthagerkönig verdankt sich wohl auch seiner Bewunderung für den „Durchbruch gegen Gewalt“, die er auf die Frage bekundet: „Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten?“

Allerdings muss man nicht alle Antworten Drachs für bare Münze nehmen. Einmal greift er tief in die Kiste der historischen Bildung und zieht dort einen „Wittichis“ hervor. Dieser Schwiegersohn von Theoderichs Tochter Amalaswintha überließ dem oströmischen Feldherrn Belisar Ravenna, bot ihm die Königswürde der Goten an und wurde dafür in Konstantinopel gefangen gesetzt. Warum Drach ausgerechnet diese glücklose Randfigur der spätantiken Geschichte zu seinem „Helden in der Wirklichkeit“ ernannt hat, bleibt unerfindlich. Vielleicht wollte er nur die Geschichtskenntnisse seiner Leser auf die Probe stellen, oder sich sonst irgendeinen Jux machen. Scherz, Satire, Ironie gehören unbedingt zu Drachs schriftstellerischem Repertoire, und eine tiefere Bedeutung ist nicht immer auszumachen.

Scheusale und Heilige

In den meisten Fällen sollte man Drachs Äußerungen freilich ernst nehmen. So erkundigt sich der Fragebogen nicht nur nach Helden und Heldentaten. „Welche geschichtliche Gestalt verabscheuen Sie am meisten?“ Auf diese Frage antwortet Drach wie alle vernünftigen Zeitgenossen: „Hitler.“ Doch wäre zu ergänzen, dass Drach Hitler vor allem der Dummheit wegen hasste. In seinem Kasperlspiel vom Meister Siebentod porträtierte er den Führer der Deutschen als Hanswurst, dessen einzige Fähigkeit darin besteht, die Vorurteile und Blödheiten, die ihm von seiner Mitwelt vorgeschwätzt werden, mit größerer Lautstärke weiter zu verbreiten. Das könnte wie ein Hitler-Ulk erscheinen, doch ist es von Drach anders gemeint. Für ihn war die Dummheit die Wurzel aller anderen Übel, und deshalb musste ihm der verbrecherischste aller Politiker auch als der dümmste erscheinen. Dass damit auch ein Urteil über all jene gesprochen ist, die diesem Dummkopf huldigten, versteht sich.

Und warum heißt Drachs „Lieblingsmaler“ „Rembrandt“? Vielleicht weil Rembrandt Jesus als „gekrümmte Erscheinung eines alten, aber vergeistigten Juden“ dargestellt hat? Dafür lobte ihn Drach in „Z.Z.“ das ist die Zwischenzeit, wies aber zugleich darauf hin, dass die konventionswidrigen Jesusbilder in der Wiener Albertina „verborgen“ seien, und „nur Kennern zugänglich“. Darüber wunderte sich Drach gar nicht, da „keine auf Massenbetrieb eingerichtete Kirche sich eine hässliche und unscheinbare Gottheit leisten kann“.

Drach unterscheidet sich vom Massenbetrieb, denn sein Heiliger ist der arme jüdische Hausierer Zwetschkenbaum: Alle schlagen auf ihn ein, beleidigen ihn, demütigen ihn. Auch der Protokollant, der die Geschichte im trockenen Ton eines Gerichtsangestellten referiert, ist nicht auf Zwetschkenbaums Seite. Das erkennt man schon daran, dass Drachs berühmtester Roman Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum heißt. Dem Autor aber gelingt im Verlauf des Romans ein dialektisches Meisterwerk: je mehr belastendes Material sich ansammelt, desto unschuldiger erscheint Zwetschkenbaum, während sich seine ungerechten Ankläger als die wahren Verbrecher erweisen.

Tugenden, Eigenschaften

F.A.Z.: „Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?“ Drach: „Mut zum Bekenntnis.“ Diesen Mut hatte er durchaus. In öffentlichen Auftritten und Interviews tat er sich gern mit dezidierten Meinungen hervor. Umso bemerkenswerter ist allerdings, dass der „Protokollstil“, den er für seine Romane entwickelte, jegliche Parteinahme für die Menschen vermeidet. In der Rolle des Protokollanten bekennt sich der Autor Drach nicht, sondern ermittelt mit illusionslosem Blick, der womöglich noch mehr Mut erfordert als ein Bekenntnis.

Gegenfrage: „Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?“ Gegenantwort: „Grazie.“ Was dem Mann der Mut, ist der Frau die Grazie – Männer des Jahrgangs 1902 dachten noch in solch einfachen Zuordnungen.

„Ihre Lieblingsbeschäftigung?“ – „Gestalten.“ Das leuchtet ein. Denn bei allen Unterschieden im Detail haben Drachs Romane, Erzählungen, Essays, Dramen und Gedichte eines gemeinsam: Sie sind bis in kleinste Nuancen hinein durchgearbeitet. Auch der „Protokollstil“ würde missverstanden, wenn man ihn für die Marotte eines dichtenden Juristen hielte. Gerade er ist ein Ergebnis genauesten literarischen Kalküls und sorgfältiger gestalterischer Arbeit.

„Ihr größter Fehler?“ – „Nachlässigkeit.“ Diese Bemerkung kann sich nur auf Äußerlichkeiten (Krawattenknoten!) beziehen, denn in literarischen und geistigen Belangen war Drach alles andere als nachlässig. Den Rezensenten seiner Bücher rechnete er jede Unkorrektheit als Fehler nach und jede Interpretation, die von der seinen abwich, lehnte er ab. Als Paul Kruntorad behauptete, Drach sei von Herzmanovsky-Orlando beeinflusst, verklagte ihn der Anwalt und Autor, der nicht verglichen werden wollte. Angesichts solcher Episoden könnte man, im Gegensatz zur Selbstdeutung im Fragebogen, der Ansicht zuneigen, Drachs größter Fehler sei nicht die Nachlässigkeit gewesen, sondern eine gewisse pedantische Selbstgerechtigkeit.

Allerdings ist dieser Fehler leicht zu verstehen und noch leichter zu verzeihen. Er erklärt sich als Reaktion eines hoch ambitionierten Autors auf das Unverständnis und das Desinteresse, das ihm und seinem Schaffen die längste Zeit entgegengebracht wurde. Drach begann als Schüler schon zu schreiben, doch erlebte er seinen ersten nennenswerten literarischen Erfolg erst mit 62 Jahren: 1964 wurde Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum zum Bestseller. Danach verflüchtigte sich das Interesse wieder. Und als die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung 1988 dem Fünfundachtzigjährigen endlich den Büchner-Preis zusprach, regte sich im deutschen Feuilleton Unmut: Der Preisträger war vielen Kritikern unbekannt, da aber niemand zugeben wollte, dass ein büchnerpreiswürdiger Schriftsteller Jahre lang übersehen wurde, sprach man ihm schlichtweg die Qualität ab. Vor dem Hintergrund solcher Geschichten erklärt sich nicht nur die Selbstgerechtigkeit Drachs, sondern auch seine Antwort auf die Frage: „Was möchten Sie sein?“ – „Autor trotz Feindschaft.“ Kürzer und zutreffender lässt sich Drachs besondere Position im Literaturbetrieb kaum formulieren.

Nachtrag: Drachs Biografin Eva Schobel präsentierte kürzlich im Wiener Literaturhaus Mitschnitte aus den Interviews, die sie mit Drach über Jahre hinweg geführt hat. Drachs Reden wurden immer wieder von lautstarken Pfiffen und einem heftigem Rütteln an Käfiggittern rüde gestört: Der Beo brachte sich ins Spiel. Im Fragebogen nannte ihn Drach seinen „Lieblingsvogel“.

Der Fragebogen, der am 1. 3. 1994 in der Frankfurter Allgemeinen erschien, ist nachzulesen in: Gerhard Fuchs/Günther A. Höfler (Hg.): Albert Drach = Dossier. Die Buchreihe über österreichische Autoren, Band 8. Droschl Verlag, Graz 1995.


Wiener Zeitung, Freitag, 13. Dezember 2002