Pfützenlied

Das Wetter welkt in grauem Schmutz.
Der Pinien brauner Krönungsputz
Sinkt ab wie alle Königsmützen
In graue Pfützen.

Und was mißliebig
Zynisch wie Kometenhohn geschweift
Und was ergiebig
Wohlgeraten und gereift,
So gut wie Bürgers warme Grützen,
Fällt in die Pfützen.

Und ist da nichts so ohnegleichen,
Daß es nicht abfault mit den Leichen.
Gott selbst vermag sich nicht zu schützen
Vor den Pfützen.

André Fischer

Gutachten I

Stimmen zu Drach

K.H. Kramberg in der Süddeutschen Zeitung zu „Z.Z.“:

„In einer Gruppe von Erfolgsromanciers nähme sich Albert Drach wie ein Kannibale unter Vegetariern aus.“

Times Literary Supplement, 12. September 1968, S. 183:
„The most talented avant-garde writers working in the German tongue are neither Germans nor do they live in Germany, nor are they young: Albert Drach (b. 1902) is a Viennese lawyer, Elias Canetti (b. 1905) is a Bulgarian living in London. Both of them have pursued lines of thought that make most of the young Germans seem striking unambitious – and this at a time when Beckett, Ionesco, Queneau and the nouveau roman had not even been thought of.“

Einleitung

Alle vier hier vorzustellenden Texte des österreichisch jüdischen Schriftstellers Albert Drach bestehen aus einem Gewebe von autobiographischen Fakten – selbst wenn der Name Drach im Text nicht auftaucht – und deren literarischer lnszenierung mit Verfahren/Stilmitteln, die aus der Tradition des Romans, des Berichts und des Protokolls stammen, und weniger aus der Autobiographie.

„‚Z.Z.’ das ist die Zwischenzeit“

“Z.Z.“ ist die Geschichte des ca. 30jährigen Sohns – einen genauen Namen bekommt er während des ganzen Stückes nicht – ‚ der eine Rechtsanwaltspraxis bei Wien führt, zwischen Dollfuß’ Ermordung 1934 und dem „Anschluß“ an das deutsche Reich 1938. Unter radikalem Verzicht auf die Innenperspektive des Sohns zeigt der auktoriale Erzähler an dessen Schicksal die allmähliche Entmündigung, Demütigung, Denunziation und Beraubung der Juden. Die grotesken Abenteuer des Sohnes profilieren en detail u.a. deutlich die Beweggründe für eine Beteiligung am Nationalsozialismus: Einzelne konnten sich schlichtweg – selbst wenn es nur ein Radio oder die Schreibmaschine war – bereichern. Amouröse, private und berufliche Erlebnisse des Rechtsanwalts haben ihre Spannung in der Diskrepanz zwischen ihrer nur subjektiven Bedeutung für den Helden und den historischen Folgen, die Drach mit ihnen sparsamst andeutet und die für den Handelnden in der jeweiligen geschichtlichen Situation nicht verfügbar sein können: Er spürt nur die Auswirkungen der politischen Konstellation. Drach betreibt also keine Verniedlichung des Grauens, sondern demonstriert exemplarisch was die Historie nicht kann – die absurde Kontingenz und Unentrinnbarkeit des Schreckens im Alltag. Der Stoff wird in einer humoristischen Schreibart präsentiert: gerade die Opposition zwischen kunstvoller, stilisierter Sprache und dem subjektiv begrenzten Sujet zeigt die folgenreiche Banalität des Nationalsozialismus; dessen Aufgeblasenheit und Motive werden „grammatikalisch“ aufgehoben und sind so ein literarischer Genuß für den Leser, ohne daß dabei auf Formen von Authentizität zurückgegriffen werden muß.

Der Sohn schafft es am Ende des Romans, nach Triest zu entkommen: die Mutter bleibt – den sicheren Tod vor Augen – zurück, denn sie müßte in der Emigration auf ihr Eigentum und ihre Rente verzichten; hinzu käme noch das unlösbare Visumproblem.

„Unsentimentale Reise“

In der „Unsentimentalen Reise“ schildert Drach – als Peter Kucku – die Jahre seiner Emigration von 1942 bis 1944 zunächst in Paris, dann in Südfrankreich. Der Held verbindet in dem Roman mit seinen Abenteuern die Episoden in Paris bei seinen Verwandten – er hat Schwierigkeiten mit seiner Aufenthaltsgenehmigung, denn er ist kein politischer Flüchtling! –‚ in Nizza mit der Flüchtlingsgemeinde und in den berüchtigten Internierungslagern von Les Milles und Rives Altes. Am Ende gelingt es ihm – nach geradezu atemberaubenden Konfrontationen mit den Helfern des Vichy-Regimes und des Dritten Reichs – sich im fiktiven Caminflour – eigentlich Valdeblore – bis zur Ankunft der Alliierten zu verstecken.

Mit der „Unsentimentalen Reise“ vermittelt Drach überzeugend die Atmosphäre im Exil: Angst, Fluchtversuche, Geldprobleme, Zukunftslosigkeit, Automatismus und Willkür der Bürokratie, Rivalitäten und Denunziation unter den Verfolgten und die Ausbeutung im „Gastland“, denn geholfen wird nur dem, der bezahlen kann.

Interessant an dem Buch ist die Fülle von bekannten Emigranten, die auftauchen und mit denen Drach Kontakt gehabt hat: Lucien Goldmann, Emmerich Kálmán, Guido Zernatto, Lion Feuchtwanger, Franz Theodor Csokor, Fritjof Kühn (Sekretär Qssietzkys), Franz Werfel, W. Hasenclever und Josef Schmidt. Durch verschiedene Tricks gelingt es Kucku, sich der Vergasung zu entziehen.

Stil und Verfahren unterscheiden sich nur in Nuancen von „Z.Z.“: Neu hinzu kommen aber noch Exkurse und Selbstreflexionen über die Produktion und das Schreiben von Literatur in dieser Zeit.

„Aus“

„Aus“ ist vom Inhalt her mit der „Unsentimentalen Reise“ fast identisch. Bei einer Neuauflage müßte geprüft werden, ob etwas von „Aus“ übernommen werden kann.

„Das Beileid“

In „Das Beileid“ geht Drach mit Hilfe eines unvollständigen Tagebuchs auf die Jahre 1946 bis 1952 ein. Nach einem mißglückten Selbstmord – durch Gas! – wegen einer unglücklichen Liebesaffaire versucht der Ich-Erzähler sich als Dolmetscher für die Alliierten in Frankreich, denn an eine Rückkehr nach Mödling ist zunächst nicht zu denken, weil die Russen Drachs Haus – unter aberwitzigen Vorwänden – als Kommandatura benutzen. Die Anstrengungen, ab 1947 in der Heimat wieder Fuß zu fassen – überlebende Juden werden von den Nutznießern des Nationalsozialismus nochmals gedemütigt –, prägen den größten Teil von „Das Beileid“: Alte Parteimitglieder bleiben in dem Genuß des von den Juden Gestohlenen. Von einer Stunde Null kann im Hinblick auf finanzielle, machtpolitische und gesellschaftliche Strukturen keine Rede sein. Auch die antisemitischen Vorbehalte bleiben bestehen.

Qualität besitzt der Text – wie die anderen auch – vor allem in seinem „Gemacht-Sein“: Er besticht nicht durch Anklagen oder historische Belehrungen – was wissenschaftliche Texte besser können –‚ sondern in der humoristischen und trotzdem historische Erfahrungen ermöglichenden Behandlung von subjektiven Erlebnissen in einer schlimmem Zeit. Gerade die interpretatorische Zurückhaltung Drachs und die Entfaltung des Beziehungsreichtums der Sprache in einem humoristischen Schreibstil regen die kritische Meinungs- und Phantasiebildung des Lesers an und profilieren den Ernst des Grauens: ohne auch nur einen bergenden außersprachlichen Fluchtpunkt in dieser „Zufallskomödie der Welt“ anzubieten.

Abschließende Thesen

- Wegen der stilistischen Qualitäten befürworte ich nachdrücklich eine Edition der vorliegenden Bücher und Manuskripte: sie können in eine Reihe mit Texten von Grass oder Bernhard gestellt werden. Aber nicht nur literarisch, sondern auch historisch interessierte Leser können mit Drach angesprochen werden: Er vermittelt eine bisher fast vergessene Form von jüdischer Alltagsgeschichte.

- Meiner Meinung nach müßten die autobiographischen Fiktionen zu drei Bänden zusammengefaßt werden: u.a. in bezug auf Canetti passen sie hervorragend ins Hanser Programm.

- Da die Texte nicht von Anfang an als Einheit konzipiert wurden, gibt es Überschneidungen und Wiederholungen: Es müßte mit Drach geklärt werden, ob er mit moderaten Kürzungen einverstanden wäre.

- Das Werk müßte sorgfältigst lektoriert werden: Die schwierigen Satzkonstruktionen sollte man im Hinblick auf Tempus, Konjunktiv und Präpositionen durchgehen; ebenso die Schreibungen von Namen, Orten und Titeln.

- Die Herausgabe muß unbedingt von einer ausführlichen Presseinformation begleitet werden: Der jüdische Hintergrund Drachs ist bisher oft übersehen worden; Drach ist kein schriftstellerischer Dilettant, sondern steht in der Tradition von Jean Paul.
Die Textedition Drachs ist bis 1974 ein einziger Skandal: Schlecht lektorierte Bücher wurden in der Kritik zu oft dem Autor angelastet, obwohl die Schuld eindeutig bei den Verlagshäusern Langen-Müller und Claassen zu suchen ist.

 

Gutachten zu Albert Drach:

  • “Z.Z.“ das ist die Zwischenzeit. 300 Seiten, erste Auflage 1968.
  • Unsentimentale Reise. 318 Seiten, erste Auflage 1966.
  • Aus. 163 Seiten.
  • Das Beileid. 188 Seiten. } Beides noch Manuskripte.

 


Adresse Drach:

Hauptstraße 44,
2340 Mödling/Wien
Tel.: 02236/22321

 

Vorgelegt von:

André Fischer
Im Baumgarten 21
7750 Konstanz 16
0753 1/44585