Pfützenlied

Das Wetter welkt in grauem Schmutz.
Der Pinien brauner Krönungsputz
Sinkt ab wie alle Königsmützen
In graue Pfützen.

Und was mißliebig
Zynisch wie Kometenhohn geschweift
Und was ergiebig
Wohlgeraten und gereift,
So gut wie Bürgers warme Grützen,
Fällt in die Pfützen.

Und ist da nichts so ohnegleichen,
Daß es nicht abfault mit den Leichen.
Gott selbst vermag sich nicht zu schützen
Vor den Pfützen.

André Fischer

GUTACHTEN ZU ALBERT DRACH II

Gutachten zu den Manuskripten von Albert Drach:

Durchgesehen wurden die von Frau Dr. Michaelis herbeigeschafften Mappen und die Schränke in Mödling. Nach dem ersten, allerdings soliden Durchgang der Manuskripte läßt sich folgendes feststellen:

- Höchstwahrscheinlich gibt es bei Drach selbst in Schreibmaschinenform keine wirklich neuen und guten Sachen mehr zu entdecken.
- Von den einzelnen Texten gibt es immer viele Varianten. Obein Vergleich jeweils nützlich ist, kann ich nicht beurteilen. Bei den Dramen vermute ich schon.
- Wie die Lage bei den erst handschriftlich verfaßten Schriften und Stücken aussieht, weiß ich nicht. Sie waren mir nicht zugänglich.

Mein Vorschlag zur Edition der Erzählungen und Essays findet sich auf Seite 7. Weil der Carl Hanser Verlag keine kritische Ausgabe der Drach-Werke anstrebt, habe ich die Auswahl der Texte sehr eng gehalten. Dies bedeutet nicht, daß die negativ beurteilten Texte schlecht sind. Nur verkaufen lassen sie sich meiner Meinung nach kaum. Sollte man nach dem Büchner-Preis irgendwelche Subventionen für eine Ausgabe herausschlagen können, dann stellt sich das Problem der Auswahl neu.

 

Rote Mappe mit dem Titel: Werkausgabe Band 12 – „Die 17 Essays“

Folgende Texte, die im Inhaltsverzeichnis aufgeführt sind, fehlen: V,VI und XVII. Sie liegen aber in anderen Meppen bei. Die hellblaue Mappe hat den gleichen Inhalt wie die rote.

 

Inhaltsverzeichnis:

I. Die Abschaffung Gottes und dessen Ersatz durch die Behörde (10 Seiten)

II. Karl Kraus und die Folgen (14 Seiten)

III. Literaturgeschichte ohne Namen                       

IV. Zur Lösung der Antisemitenfrage (30 Seiten)

V. Moral, das ist, wenn man moralisch ist

    oder

    Die große Hure Babylon und der kleine Däumling

VI. Ein Wesen, nicht aus Fleisch und Blut

      oder

      Der zur Unzeit unterbrochene Umweg zum perpetuum mobile

VII. Zum Verkehrsunwesen in Österreich (9 Seiten)

VIII. Stilleben (9 Seiten)

IX. Das ewige Opfer der Alten für die Jungen ( 7 Seiten)

X. Die Frau in unbequemer Haltung (18 Seiten)

XI. Sprache als Verständigungsmittel sowie zur Erzeugung von Mißverständnissen (7 Seiten)

XII. Wie heißen die Herren, die uns das taten? (12 Seiten)

XIII. Der Aufbau aus den Archiven (9 Seiten)

XIV. Durch Miete zur Enteignung (12 Seiten)

         oder

         Das Gesetz gegen die Mieten

XV. Von der Armut zur Armseligkeit (8 Seiten)

XVI. Die Entwertung aller Werte (6 Seiten)

         oder

         Die Wandlung des Etwas in Nichts

XVII. Mikroben zernagen das All

 

Alle Texte sind eine Mischung aus essayistischer Argumentation und Erzählung. Der Tonfall ist weniger polemisch, eher verletzend. Meiner Meinung nach ist dies das große Manko der Essays; von den abseitigen Themen einmal ganz abgesehen.

Ausnahmen:

Karl Kraus und die Folgen. In diesem Stück verteidigt Drach Heinrich Heine gegen die Angriffe von Karl Kraus. Die Argumentation ist überzeugend, auch wenn sie mit etwas zu viel Pathos vorgetragen wird.

Das ewige Opfer der Alten für die Jungen. Drach zeigt in diesem kurzen Text die scheinheilige Weitergabe von Idealen an die Jugend und wie diese getäuscht wird: „Denn das ist das Gemeinsame aller Erinnerungen, daß sie darin nicht stimmen, worauf es ankommt.“ (S.1)

 

Gelbe Mappe mit der Aufschrift: Werkausgabe Band 13: „Literaturgeschichte ohne Namen sowie die Bruchstücke und Zusätze

Ohne Inhaltsverzeichnis; die Texte werden der Reihe nach aufgelistet.

Karl Kraus und die Folgen: Etwas bessere Fassung als in der roten Mappe.

Essay 16a, „Über den Umgang mit Dichtern“: Drach rechnet darin sehr detailliert mit seinen Kritikern ab. Zu naiv und larmoyant.

Werkausgabe, Band 13, „Literaturgeschichte ohne Namen“ sowie die Bruchstücke und Zusätze: In diesem viel zu lang und zu ausführlich geratenen Text schreibt Drach eine

Literaturgeschichte, die gänzlich auf Namensnennung verzichtet. Nicht uninteressant – vor allem kann man das eigene Wissen testen –‚ doch für Hanser ungeeignet.

Grundstoffe 1, Materialien zu „In Sachen Sade“ und den 17 Essays des 17. Buches: Deckt sich inhaltlich mit dem Vorwort von „In Sachen de Sade“.

Grundstoffe 2 für einige von 17 Essays: Ermüdende Erörterung der Schuldfrage prinzipiell.

(Allerdings auch ein schönes Beispiel für Hanser-Intertextualität: Die Chasaren tauchen auf Seite sieben kurz auf.)

Grundstoffe 3 bis 8: Die Texte sind insgesamt nicht schlecht. Drach diskutiert in ihnen das Wechselverhältnis Gott–Mensch–Behörde und es gelingen ihm einige gute kurze Bemerkungen und Aphorismen. Leider ist er aber wieder sehr verletzend und schimpft auf der untersten Ebene z.B. über H. Spiel und H. Daiber bzw. über die Österreicher im allgemeinen.

Guten Gewissens kann man keinen dieser Essays für den Druck vorschlagen.

 

Klarsichthülle/gelbes Seidenpapier mit dem Titelblatt: „Entblößungen, Erbarmungen, Ermordungen; 71 Versgefüge mit eingelegten, gekreuzten protokollarischen Selbstbekenntnissen in Prosa“

50 Versgefüge aus der Zeit der dreißiger Jahre liegen als Vorspann bei. Wenn man sie nicht als Unsinnspoesie liest, dann finde ich die „Versgefüge“ grauenhaft.

War – Ich (Bin) der Meinung: Dies ist die Geschichte des achtjährigen Willibald, der sich zu einem paradigmatischen Mitläufer des Antisemitismus entwickelt. Der Text ist mit Abstand der obszönste Drachs (z.B. S. 128f und 135). Er übersteigt damit alle Grenzen des Zumutbaren. Allerdings soll die Geschichte auch noch einen realen Kern haben!

Von der Edition würde ich deshalb abraten, weil der Text sich zu stark thematisch mit anderen, besseren Geschichten Drachs überschneidet.

Es schließen sich weitere, ungeordnete Versgefüge an.

Wein her! (liegt dreimal bei): Beschreibung eigener Alkoholexzesse; Geschichten, die sich um Alkoholisches drehen. Reine Fingerübung.

 

Grüne Mappe mit der Aufschrift „O Catilina“ – „Kudruns Tagebuch“

Enthält auch sieben Abschiede und „Krieg!“.

In den sieben Abschieden greift Drach lauter bekannte Themen auf: Chamberlain hat Hitler den Krieg erst möglich gemacht; Drach erzählt seine Erblindung; Diskussion der Sinnfrage; beschimpft Handke und Canetti; Juden werden für Schuldprojektionen gebraucht; viel Biographisches (Kleist-Preis und Blinddarmerkrankung).

Meiner Meinung nach ist nichts „verwertbar“. Inhaltlich und stilistisch sind Drachs Autobiographien besser.

 

- Krieg!: Rollenprosa. Drach erzählt hier wieder von Chamberlain. Verteidigt das Recht der Kurden und Basken auf einen eigenen Nationalstaat. Völlig untauglich.

 

Mittlere Protolkolle – oder zwei Bekenntnisse, O Catilina und Kudruns Tagebuch: Drach schreitet mit seinem modernen Catilina alle Bereiche des „Bösen“ ab: Er verleumdet, ermordet, vergewaltigt, plündert, verstümmelt etc. Catilina will die Weltherrschaft an sich reißen, damit er die moralische Ordnung zerstören kann, die die Grundlage für die allgemeine Heuchelei ist. Am Ende entpuppt sich die Geschichte als ein Traum.

Drachs allzu wild wuchernder Roman eignet sich nicht für den Hanser Verlag. Es wäre allerdings zu überlegen, ob man diesen Text nicht an einen anderen Verlag weiterreicht. Ich kann mich nicht dazu entschließen, „O Catilina“ als reine literarische Geschmacklosigkeit abzutun.

 

Kudruns Tagebuch oder wie ich mich zu bewahren wußte, dann mich preisgab: Drach erzählt die mittelalterliche Kudrun-Geschichteneu. Bis auf die Schlußpointe ist sie von erschreckender Langeweile.

 

Grauer Ordner mit dem Titel: Albert Drach, Band 9: Protokollarisches Lotto.

Inhaltsverzeichnis liegt bei; nur die Geschichte „Und“ fehlt.

„Und“ konnte auch in den anderen Mappen nicht gefunden werden.

 

Einfühlende Einführung: Drach definiert hier „protokollarisches Lotto“: Menschen setzen ihre Seele ein. Dieser kurze Text hat keine Beziehung zu den nachfolgenden Geschichten.

Lullo und Lulla (Eine kernbeißerische Idylle): Drach schildert in dieser Geschichte den gedankenlosen Umgang mit Tieren am Beispiel eines Kirschkernbeißerkükens. Ein wirklich guter Text mit sehr viel Witz erzählt.

Wegfall winziger Liebe (Eine kernbeißerische Elegie): Es geht um denselben Vogel wie in Lullo und Lulla. Wie Petrus Jesus, so verrät auch Drach Lulla dreimal: unglaublich sentimental berichtet.

Moral, das ist wenn man moralisch ist oder Die große Hure Babylon und der kleine Däumling: Drach handelt hier eines seiner Lieblingsthemen – Relativität und

Unbeständigkeit von Moralbegriffen – ab. Argumentation und Ausführung schwach.

Ein Wesen, nicht aus Fleisch und Blut (Der zur Unzeit unterbrochene Umweg zum perpetuum mobile): Am Beispiel des imaginär bleibenden Fahrzeugs „kaka“ oder „gaga“ wird die sinnlose Frage nach Sinn exemplifiziert. Eine verrückte, absurde Geschichte und auch noch gut erzählt.

Mikroben zernagen das All: Drach verfällt hier wieder einmal in Kollektivbeschimpfungen.

Lunz: Drach besucht zwischen 1907 und 1937 mehrmals den Urlaubsort. Dort hat er für seine Biographie entscheidende Erlebnisse. „Lunz“ ist ein zentraler Text für Drachs Leben und Gesamtwerk. Gut geschrieben.

Nein: Leider schon gedruckt, sonst gut Geschichte. Ein junger Mann versucht zu rekonstruieren, ob er jüdischer oder „arischer“ Abstammung ist.

Und: Fehlt.

Pfui: Drach erzählt hier die „wahre“ Geschichte der Verhaftung von Andreas Hofer. Er versucht dabei eine Korrektur des tradierten Hofer-Bilds. Sehr verstaubte Erzählung.

IA: 15 Greise sitzen mit einem kleinen Mädchen im Bunker und diskutieren über die Züchtung des neuen Menschen nach der Atomkatastrophe. Zu dieser Geschichte fehlt mir jeglicher Zugang.

 

Bei meiner privaten Durchsicht der Manuskripte in Mödling habe ich einen brauchbaren Text gefunden. Es handelt sich um die Kurzfassung von Drachs Rückkehr nach Österreich: Wie ich meinen Tod überlebte. Sollte „Das Beileid“ in keiner Form gedruckt werden, dann könnte man auf diese viel kürzere Vorlage ausweichen.

Das Manuskript „Blinde Kuh – Versuch einer Zusammenfassung“ behandelt nochmals die Biographie von Drach. Stilistisch ist der Text nicht so gut wie beispielsweise die „Unsentimentale Reise“ oder „Z.Z.“. Allerdings löst Drach in „Blinde Kuh“ viele Pseudonyme auf und erzählt Details, die sonst nirgends in seinem Werk zu finden sind. Von einem Druck würde ich abraten.

 

Zusammenfassung:

Folgende – bisher noch ungedruckte – Texte würde ich für eine Edition vorschlagen:

  • Karl Kraus und die Folgen (14 Seiten)
  • Ein Wesen, nicht aus Fleisch und Blut oder
  • Der zur Unzeit unterbrochene Weg zum perpetuum mobile (13 Seiten)
  • Lullo und Lulla (Eine kernbeißerische Idylle) (25 Seiten)
  • Lunz (36 Seiten)
  • Wie ich meinen Tod überlebte. Aus dem Bericht „Das Beileid“ (15 Seiten)

 

Allerdings sollten auch die meisten der schon im „Goggelbuch“ erschienenen Erzählungen neu aufgelegt werden. Beispielsweise müßte das kleine Meisterwerk „Amtshandlung gegen einen Unsterblichen“ unbedingt wieder erscheinen.

Wird eine Mischung aus dem „Goggelbuch und den noch ungedruckten Texten angestrebt, dann besteht bei folgenden Texten die Gefahr von Überschneidungen: „Martyrium eines Unheiligen“ mit „Lunz“ und “Vom Stift zum Gimpel, aber nicht wieder zurück“ mit „Lullo und Lulla“.

Ich persönlich plädiere für eine Mischung aus schon gedruckten und den noch unbekannten Texten: ein Drach-Lesebuch.