Pfützenlied

Das Wetter welkt in grauem Schmutz.
Der Pinien brauner Krönungsputz
Sinkt ab wie alle Königsmützen
In graue Pfützen.

Und was mißliebig
Zynisch wie Kometenhohn geschweift
Und was ergiebig
Wohlgeraten und gereift,
So gut wie Bürgers warme Grützen,
Fällt in die Pfützen.

Und ist da nichts so ohnegleichen,
Daß es nicht abfault mit den Leichen.
Gott selbst vermag sich nicht zu schützen
Vor den Pfützen.

Albert Drach Gesellschaft

Chronik

ERÖFFNUNG DER 43. LITERARISCHEN SAISON:

STUNDE DER LITERARISCHEN ERLEUCHTUNG — GEDÄCHTNISMOMENTE DER LITERATUR: ALBERT DRACH

Alte Schmiede, Kunstverein Wien
Schönlaterngasse 9, 1010 Wien

ALBERT DRACH (1902–1995): UNTERSUCHUNG AN MÄDELN. Kriminalprotokoll (1971, Claassen Verlag; Band 1 der Werkausgabe, 2002, Hg. Ingrid Cella) • ALFRED J. NOLL (Wien) liest und kommentiert • ALEXANDRA MILLNER: Hinweise zur Entstehung des Buches und zur Werkausgabe in zehn Bänden im Zsolnay Verlag (hg. von Ingrid Cella, Bernhard Fetz, Alexandra Millner, Wendelin Schmidt-Dengler †, Eva Schobel)

Eröffnung der 43. literarischen Saison der Alten Schmiede: Seit 2002 erscheint im Zsolnay Verlag eine auf 10 Bände angelegte neue Ausgabe der Werke Albert Drachs. Bisher erschienen: Untersuchung an Mädeln. Kriminalprotokoll (Band 1, 2002); »Z.Z.« das ist die Zwischenzeit (Band 2, 2003); Unsentimentale Reise. Ein Bericht (Band 3, 2005); Das Beileid. Nach Teilen eines Tagebuchs (Band 4, 2006); Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum (Band 5, 2008); Gedichte (Band 10, 2009); Das Goggelbuch (Band 7/1, 2011); Amtshandlung gegen einen Unsterblichen. Die kleinen Protokolle (Band 7/II, 2013); Die Erzählungen (Band 7/III, 2014).

Mit kaltblütiger Akribie hat Drach in einem lustvoll durchtriebenen Kriminalprotokoll das reichhaltige Instrumentarium der Männerherrschaft über die Frauen offen gelegt. Am Schluss dieses Verfahrens jedoch sagt die Heldin trotz allem noch: »Ich – und setzte sich wieder.« Der Schriftsteller und Jurist Drach arbeitete von 1964 bis 1971 an dem Text: Die Autostopperinnen Stella Blumentrost und Esmeralda Nepalek stehen unter Anklage. Sie sollen den Stechviehhändler Joseph Thugut ermordet haben, der sie zuvor in seinem Wagen mitgenommen und vergewaltigt hatte. In dem für Drach charakteristischen Protokollstil wird das Verfahren gegen die beiden jungen Frauen nachgezeichnet, in dem sich immer mehr Verdachtsmomente gegen sie ergeben. Allerdings fehlt Thuguts Leiche. In den Aufzeichnungen des Gerichtsprotokollanten wird der eigentliche Sachverhalt immer uneindeutiger. (Alexandra Millner)

 

Albert Drach, *1902 in Wien; Sohn eines sephardischen Mathematikers und Philosophen und einer aschkenasischen Mutter, studierte Rechtswissenschaften in Wien. Eröffnung einer Anwaltskanzlei in Mödling 1935. Das NS-Regime und den Krieg überlebt er in Frankreich; Rückkehr nach Mödling, †1995. Erste literarische Veröffentlichungen in seiner Schulzeit; er schrieb Prosa, Lyrik und Dramen. 1988 Georg Büchner-Preis.

Alfred J. Noll, *1960 in Salzburg, Rechtsanwalt, Universitätsprofessor in Wien – Schwerpunkte: Urheber- und Medienrecht, Restitutionen. Gründer und Mitherausgeber des Journal für Rechtspolitik, Mitglied der Österreichischen Juristenkommission. Jüngste Buchveröffentlichungen (u.a.): Kein Anwalt für Antigone! Recht wider Recht in der »Antigone« des Sophokles (2008); Kannitz. Eine Parabel (2014); John Locke und das Eigentum (2016).

Alexandra Millner, *1968, Literaturwissenschaftlerin (FWF-Projekt Albert Drach Werke. Studienausgabe III an der Universität Wien) und -kritikerin, Universitätslektorin am Institut für Germanistik der Universität Wien, Dramaturgin; Präsidentin der Internationalen Albert Drach-Gesellschaft: www.albert-drach.at. Publikationen u.a.: von alpha bis zirkular. Literarische Runden und Interessenvereinigungen in Wien 1900–2000 (2008); Porträt Hans Eichhorn (Hg.; Die Rampe, 2011).


Montag, 18.04.2016, 18.15 Uhr - 20.00 Uhr

BURKHARDT WOLF: UNTERSUCHUNG AN SCHREIBERN. ALBERT DRACHS PROTOKOLLE GEGEN DIE KAKANISCHE BÜROKRATIE

IFK, Reichsratstraße 17, 1010 Wien (Letzter Liftstock)

 

Die Verwaltung „Kakaniens“ hat Robert Musil einst mit liebevoller Ironie „die beste Bürokratie Europas“ genannt. Als eine Art rationalisierter und demokratisierter Inquisition hat sie hingegen der Jurist Albert Drach erfahren. Seine Romane machen der Bürokratie und ihren Nachwirkungen bis in die Zweite Republik auf eigentümliche Weise den Prozess. Ein Vortrag von Burkhardt Wolf.

 

Wiederholt hat man von einer besonderen Affinität zwischen der habsburgischen Verwaltung und den Schreibweisen österreichischer Autoren gesprochen. Albert Drachs Erzähltexte nehmen diesen Befund beim Wort: Sie üben sich in einer Art performativer Parallelaktion zwischen aktenmäßiger und literarischer Schriftführung. Seine Form teilnehmender Protokollierung ist dabei aber nicht nur in den kakanischen Traditionen begründet. Amt und Leben scheinen nämlich im Zuge der dauernden Reform und Demokratisierung der Nachkriegsbürokratien zusehends zur Deckung zu kommen. Eben diese verwaltungsgeschichtliche Entwicklung buchstabiert Drach in der „Untersuchung an Mädeln“ bis zu dem Extrem aus, da bürokratische Entscheidungen mit dem gesunden Volksempfinden weitgehend zusammenfallen. Die Möglichkeit immanent-literarischer Bürokratiekritik sondieren seine Protokolle zweiter Ordnung dadurch, dass sie der Herrschaft des Aktenverkehrs am Punkt ihres sprachlichen Betriebsgeheimnisses Herr zu werden versuchen.

Die Arbeiten von Burkhardt Wolf sind v. a. der Wissensgeschichte der Literatur gewidmet. Sie umfassen Themenschwerpunkte wie: Literatur, Ökonomie und Sozialtechnologien, die Kulturgeschichte der Seefahrt, die Mentalitätsgeschichte von Gewalt und Religion oder die Ästhetik und Diskursgeschichte von Gefahr und Risiko. Derzeit ist er IFK_Research Fellow.


Montag, 25.01.2016 um 18:00

STUNDE DER LITERARISCHEN ERLEUCHTUNG — GEDÄCHTNISMOMENTE DER LITERATUR: ALBERT DRACH

Alte Schmiede, Kunstverein Wien
Schönlaterngasse 9, 1010 Wien

 

ALBERT DRACH (1902—1995) Die »Vogeltexte« in DIE ERZÄHLUNGEN (hg. von Ingrid Cella, Alexandra Millner und Eva Schobel, Band 7/III der Werkausgabe, 2014) • ANDREA GRILL (Wien) liest und kommentiert • ALEXANDRA MILLNER (Wien) gibt Hinweise zur Entstehung des Buches und zur Werkausgabe in zehn Bänden (seit 2004, hg. von Ingrid Cella, Bernhard Fetz, Wendelin Schmidt-Dengler †, Eva Schobel; Zsolnay Verlag) • Kurzpräsentation der Web-Seite der Internationalen Albert-Drach-Gesellschaft: www.albert-drach.at

 

Andrea Grill liest ausgewählte Stellen aus Albert Drachs sogenannten »Vogelgeschichten« – den Erzählungen Vom Stift zum Gimpel, aber nicht wieder zurück, Lullo und Lulla und Wegfall winziger Liebe – und erzählt von ihren Leseerfahrungen. Alexandra Millner, Mitherausgeberin des bei Zsolnay erschienenen Bandes Die Erzählungen, gibt Einblick in die Entwicklung der Texte, die im Nachlass Drachs im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek nachgeforscht wurde. Die auf den ersten Blick so beschaulich wirkenden Geschichten über das Leben mit einem Vogelfindling weisen politische Subtexte auf, die sich gegen konkrete zeitgeschichtliche Ereignisse wenden. Der Hobbyornithologe Drach holt dabei nicht nur gegen die Lehrmeinung und Methodik der Verhaltensforscher aus, sondern zeigt ein Individuum in existenzieller Bedrängnis.

 

Albert Drach, *1902 in Wien, Sohn eines sephardischen Mathematikers und Philosophen und einer aschkenasischen Mutter, studierte Rechtswissenschaften in Wien. Eröffnung einer Anwaltskanzlei in Mödling 1935. Das NS-Regime und den Krieg überlebt er in Frankreich und kehrt danach zurück. †1995 in Mödling. Seine ersten literarischen Veröffentlichungen erfolgen bereits in der Schulzeit, er schreibt Lyrik, Dramen und Prosa. 1988 wird er mit dem Büchner-Preis geehrt. Werke (Auswahl): Marquis de Sade. Stück (1929); Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum. Roman (1964); Unsentimentale Reise. Ein Bericht (1966); »Z. Z.« das ist die Zwischenzeit. Autobiografisches Protokoll (1968); Untersuchung an Mädeln. Kriminalprotokoll (1971); In Sachen De Sade. Essay (1974); Das Goggelbuch. Erzählung (1993); O Catilina. Roman (1995).

Andrea Grill, *1975 in Bad Ischl, studierte Biologie, Sprachwissenschaft, Italienisch und Spanisch in Salzburg, Thessaloniki und Tirana; lebt als Schriftstellerin, Übersetzerin aus dem Albanischen und Wissenschaftlerin in Wien, forscht derzeit zu evolutionsbiologischen Themen an der Universität. Buchveröffentlichungen: Der gelbe Onkel. Ein Familienalbum (2005); Zweischritt. Roman (2007); Tränenlachen. Roman (2008); Das Schöne und das Notwendige (2010); Happy Bastards. Gedichte (2011); Liebesmaschine N.Y.C. Storys (2012); aspern. reise in eine mögliche Stadt (mit Thomas Ballhausen u. Hanno Millesi, 2013); Safari, innere Wildnis. Gedichte (2014); Das Paradies des Doktor Caspari. Roman (2015).

Alexandra Millner, *1968 ist Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin und hat zur Zeit eine Elise-Richter-Stelle am Institut für Germanistik der Universität Wien inne. Neben der Arbeit an ihrer Habilitationsschrift zur Transdifferenz in der Literatur deutschsprachiger Migrantinnen in Österreich-Ungarn 1867–1918 setzt sie sich mit Gegenwartsliteratur u.a. von Albert Drach, H.C. Artmann, Olga Flor, Elfriede Jelinek und Josef Winkler auseinander. Sie ist Mitherausgeberin der Drach-Werkausgabe (2002 ff). Als Präsidentin der Internationalen Albert-Drach-Gesellschaft hat sie die Website zu Albert Drach organisiert, die im Rahmen der Veranstaltung präsentiert wird: www.albert-drach.at

 

 



14. Dezember 2015

Im Rahmen der Reihe »Stunde der Literarischen Erleuchtung – Gedächtnismomente der Literatur« fand im Literarischen Quartier der Alten Schmiede (Kunstverein Wien, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien) ein Abend zum Roman »Unsentimentale Reise. Ein Bericht« (1966) von Albert Drach statt. Der Autor Peter Henisch las und kommentierte, die Literaturwissenschaftlerin und Journalistin Eva Schobel gab Hinweise zur Entstehung des Buches und zur zehnbändigen Werkausgabe im Wiener Verlag Paul Zsolnay (seit 2002, hg. von Ingrid Cella, Bernhard Fetz, Alexandra Millner, Wendelin Schmidt-Dengler †, Eva Schobel).

Albert Drachs Emigrationsbericht »Unsentimentale Reise« wurde im Jahr 2004 von Eva Schobel gemeinsam mit Bernhard Fetz als dritter Band der kommentierten Werkausgabe neu herausgegeben.